Gedanken im Trauer-Alltag ...

Immer wieder gibt es in meinem Alltag im Umgang mit der Trauer Dinge, die ich erlebe oder erfahre. Manche bewegen, berühren oder erfreuen mich, manche machen mich nachdenklich, andere ärgern mich.
Der Umgang mit Trauer und Trauernden führt dazu, dass ich mich immer wieder damit auseinandersetze.  
Deshalb werde ich mich immer, wenn mich etwas beschäftigt dazu äußern. Dabei geht es um meine Sicht der Dinge, d.h. es geht nicht um allgemein gültiges. Es soll ein Denkanstoß, ein Trost, ein Gedanke für Interessierte sein, nicht mehr und nicht weniger.

A. Meier-Braun
Dipl.-Psychologin



Januar 2009
Gedanken im Trauer-Alltag 3 …

„Wie soll ich Weihnachten ohne mein Kind aushalten?“ „Wie soll ich das aushalten: den Schmerz, den Verlust, die Trauer, das fremde andere Leben?“
Fragen, die mir in der letzten Zeit oft gestellt wurden.

„Aushalten“ ist keine angesagte Eigenschaft in der heutigen Zeit, so habe ich öfter den Eindruck. Alles Unangenehme, Traurige, Schmerzhafte, Anstrengende muss schnell vorbei gehen, schnell lösbar sein, schnell in den Griff zu kriegen sein. Das erlebe ich ständig bei der Beratung von Paaren: schnell wird von Trennung gesprochen, sich einlassen, sich stellen, sich engagieren wird kaum erwogen. Oft wird erstaunt und stolz reagiert, wenn sich der Einsatz in die Beziehung gelohnt hat, sich Zukunft und Perspektiven zeigen. Die Generation meiner Kinder ist es gar nicht gewöhnt, Dinge auszuhalten – nicht zuletzt dank unserer überführsorglichen Erziehung. Bei Schmerz wird zu Tabletten gegriffen und oft nicht gefragt, woher der Schmerz kommt und ob es andere Möglichkeiten gibt. Bei Schlaflosigkeit gibt’s Schlafmittel, bei Trauer gibt’s Antidepressiva – und so lässt sich diese Liste endlos fortsetzen.
Ich traf vor Weihnachten eine Frau, deren Kind ganz überraschend an einem Unfall gestorben war. Sie suchte sofort nach einer Gesprächsgruppe, damit sie Weihnachten „aushalten könnte“ wie sie meinte. Leider ist das nicht so einfach, denn Trauer braucht Zeit. Diese Vorstellung kann natürlich Angst machen: Was passiert da mit mir? Halte ich das überhaupt aus? 

Die Trauer jedes Menschen ist so einzigartig wie er selbst und sie kann unterschiedlich lange dauern. Sich auf dieses Wagnis einzulassen – die Trauer auszuhalten – erfordert  Mut und Kraft. Ist dieser erste Schritt auf dem Trauerweg erst mal getan, wird der Weg zwar nicht unbedingt kürzer, verliert aber an Schrecken. Im Gegenteil: Möglichkeiten, Chancen, Veränderungen tun sich auf. Mühsam manchmal, aber auch lebendig und spannend. Abschied und Neuanfang sind ständige Übergänge in unserem Leben.

Aus meiner Sicht ist der trauernde Mensch ein aktiv handelndes Wesen, er weiß und bestimmt die Richtung, auch wenn er manchmal ohne Orientierung ist. Er ist seiner Trauer nicht hilflos ausgeliefert und das bedeutet auch, dass er sie aushalten kann.

Vielleicht ist also das „Aushalten“ doch nicht so schlimm, sondern es kann helfen persönliche Risiken einzuschätzen und Ressourcen freizusetzten. Für mich hat „aushalten“ etwas mit Zeit haben zu tun, und das macht mich gelassen und zuversichtlich.

A. Meier-Braun
Dipl.-Psychologin




Dezember 2008
Gedanken im Trauer-Alltag 2…

Immer wieder bekomme ich den Satz zu hören: „Hast Du Deine Trauer überwunden?“

Zwei Gedanken kommen mir dazu in den Sinn. Wem dient diese Frage eigentlich? Dem Fragenden? Dass ich dann wieder „normal“, so wie früher bin und derjenige wieder „wie immer“ mit mir umgehen kann?

Mein anderer Gedanke ist, ob derjenige sich mal die Bedeutung des Wortes „verwunden“ oder „überwunden“ deutlich gemacht hat. Da steckt wohl nicht umsonst das Wort „Wunde“ drin. Die Wunde über den Verlust bleibt, auch wenn sie Schorf bildet und die Wunde verheilt. Alte Wunden schmerzen immer wieder, das kennen wir alle. Menschen, denen Glieder amputiert wurden, kennen den Phantomschmerz.

Trauer um ein verstorbenes Kind ist kein vorübergehender Zustand, sondern ein lebenslanger Prozess. Es gibt Phasen, in denen die Integration des Verlustes in unser weiteres Leben mal besser und mal schlechter gelingt. Auch wenn unser totes Kind einen anderen Platz in unserem Leben hat, wird es immer fehlen.

Um auf die anfängliche Frage zurück zu kommen: Ich habe durchaus den Verlust „überwunden“, gelernt mit der Narbe zu leben im Sinne wie Sascha Wagner sagt:

„Trauer kann man nicht überwinden wie einen Feind. Trauer kann man nur verwandeln: den Schmerz in Hoffnung, die Hoffnung in tiefes Leben.“

Annette Meier-Braun
Dipl.-Psychologin


Dezember 2008
Gedanken im Trauer-Alltag 1….

Kürzlich berichtete mir ein Vater, dessen kleine Tochter an ihrer schweren Erkrankung gestorben war, dass der Psychologe, den er und seine Frau nach ihrem Tod aufsuchen, ihnen eindrücklich vom Besuch einer Trauergruppe abgeraten hatte. Er vertrat die Meinung, dass der Umgang mit anderen betroffenen Eltern und das Hören derer Schicksale sie zu sehr „herunterziehen“ und es für sie dadurch noch schwerer würde, ihre Trauer zu „bewältigen“.

Was ist Trauer denn?  Eine ansteckende Krankheit?  Der Besuch einer Trauergruppe macht  krank, statt dass es besser wird?
Trauer ist aber keine Krankheit und Trauern ist nicht krankhaft, auch wenn Trauer krank machen kann.

Die renommierte Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin Verena Kast, die sich intensiv mit Themen wie Trauer und Abschied beschäftigt, sagt dazu: „Die Trauer ist die Emotion, durch die wir Abschied nehmen…, so dass wir mit neuem Selbst- und Weltverständnis weiterzuleben vermögen“. Also ist Trauer oder Trauern doch eine normale menschliche Reaktion auf einen schweren Verlust, ein menschliches Gefühl wie Freude oder auch Angst. Betrachtet man Trauer als Verlustreaktion, wird ihre positive und sinnvolle Funktion deutlich. Sie tritt dann auf, wenn sie gebraucht wird: Sie hilft uns Abschied zu nehmen, Verlorenes in unser Leben zu integrieren und neuen Lebenssinn zu gewinnen.

Dabei ist meiner Erfahrung nach niemand kompetenter für den Weg durch die Trauer als der trauernde Mensch selbst. Selbsthilfegruppen sind ein Ausdruck dieser Kompetenz. Verena Kast sagt dazu: „Auch Selbsthilfegruppen…scheinen sehr gut geeignet zu sein, den Trauerprozess positiv in Gang zu halten. Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation stehen, können sich gegenseitig sehr viel helfen, zumindest können sie anregen, dass die Emotionen ausgedrückt werden dürfen.“

Wie im Begriff der „Selbsthilfe“ deutlich wird, kann eine solche Gruppe sich gegenseitig begleiten und unterstützen.  Das heißt für mich: Betroffene helfen sich selbst, indem sie sich für ihre eigene individuelle „Trauerarbeit“ – nicht umsonst wurde dieser Begriff von Freud geprägt – Unterstützung in einer Gruppe holen.
Im Gegenteil bin ich der Auffassung, dass das Regulativ einer gut funktionierenden Gruppe vor dem Risiko, an erschwerter Trauer zu leiden, schützen kann: Durch den gegenseitigen Austausch und die Rückmeldung untereinander besteht ein sensibles Gespür für Veränderungen in positiver oder negativer Richtung – vom Trauernden manchmal selbst noch gar nicht realisiert.

Ohne die Bedeutung einer Trauergruppe zu über- oder unterschätzen, kann ich deshalb die Aussage dieses Psychologen aus meiner Erfahrung überhaupt nicht teilen. Natürlich erfährt man über das Schicksal anderer Betroffener, natürlich berührt und bewegt dies und lässt einen die eigene Trauer deutlich spüren. Aber der Weg aus der eigenen Trauer führt  durch sie hindurch, und sich der Trauer stellen ist ein erster Schritt auf diesem Weg.

Bevor dieser Psychologe also betroffenen Eltern solche „Ratschläge“ gibt, wäre es sicher hilfreich für ihn, sich mit Trauer zu beschäftigen und sich über die vielfältigen Erfahrungen darüber zu informieren.   

A. Meier-Braun
Dipl.-Psychologin