Vier kleine Seelen, die leider nur kurz bei uns bleiben
durften
Als ich im Mai 2003 das erste Mal schwanger wurde, waren
wir zunächst doch sehr überrascht, da die
Schwangerschaft zwar kalkuliert war, wir aber nicht so
schnell damit gerechnet hatten. Mein Arzt hatte Urlaub
und da ich so ein komisches Ziehen im Bauch hatte, ging
ich zur Vertretung. Im Ultraschall war nichts von einer
Schwangerschaft zu erkennen, was für die Zeitangaben die
ich machte, ungewöhnlich war. Beim 2. Ultraschall, eine
Woche später sah man dann einen klitzekleinen Punkt,
worauf der Arzt mir dann sagte er könne mir nicht
garantieren, dass sich das Kind normal weiterentwickle.
Ich war erschrocken. Beim nächsten Ultraschall, diesmal
bei meinem gewohnten Gynäkologen sagte der mir, es sei
alles in Ordnung und zeigte mir den Herzschlag unseres
Kindes. Das Kind sei eben etwas zu klein oder die
Zeitangabe stimme nicht, da ich ja erst die Pille
abgesetzt habe.
Jetzt begannen wir uns richtig auf das Kind zu freuen.
Wir überlegten schon welche Namen vielleicht passend
wären, und wer als Pate in Frage käme und vieles mehr.
Doch dann, am 30. Juni bekam ich abends
Schmierblutungen. Wir fuhren in die Klinik, dort wurde
dann ein Ultraschall gemacht welcher meine schlimmsten
Befürchtungen bestätigte. Das Herz unseres Kindes hatte
aufgehört zu schlagen, außerdem war es viel zu klein für
die 11.Schangerschaftswoche.
Man schickte uns nach Hause und am nächsten Tag sollte
ich wieder kommen, zur Ausschabung. Zuvor sollte aber,
so wurde mit versprochen zur Sicherheit nochmals eine
Ultraschalluntersuchung vom Oberarzt durchgeführt
werden.
Wir fuhren nach Hause, dort legte ich mich ins Bett und
versuchte zu schlafen. Ich weinte sehr viel. Die Nacht
war dann doch irgendwann vorbei und am morgen erschien
ich wie bestellt in der Klinik dort bekam ich ein
Beruhigungsmittel und wurde auf die Operation
vorbereitet, während ich auf den Kontrollultraschall
wartete. Vielleicht hatte sich die Assistentsärztin ja
gestern doch geirrt, so meine geheime Hoffnung. Als dann
einen Krankenschwester kam und mir mitteilte, dass die
versprochene Kontrolluntersuchung nicht durchgeführt
werden würde, verlor ich die Fassung um welche ich die
ganze Zeit hart kämpfte endgültig und brach in Tränen
aus. Irgendwie brachte ich es noch fertig auf die
Untersuchung zu bestehen, welch der Oberarzt dann auch
widerwillig durchführte und mit folgenden Worten
kommentierte:“ Warum freut ihr euch denn alle so, ihr
sollt euch doch nicht so freuen. Sehen Sie, das zersetzt
sich ja schon, das ist nur noch ein Bröckele rohes
Fleisch.“ Jetzt war ich ganz am Ende. Das Bröckele rohes
Fleisch war immerhin mein Kind. Dann endlich die OP. Ich
war so froh über die Narkose, endlich nichts mehr
spüren. Den Rest des Tages verbrachte ich im
Dämmerzustand. Mir war übel, und ich weinte wieder sehr
viel. Am Tag darauf durfte ich dann nach Hause. Ich war
noch zwei Wochen krank geschrieben, dann ging alles
wieder seinen gewohnten Gang. Mein Gynäkologe sagte mir
wir sollten zwei Monate warten und es dann erneut
versuchen. So haben wir es dann gemacht und es hat auch
prompt funktioniert. Im September 2003 war ich wieder
schwanger. Die Freude war zunächst groß, doch wieder war
das Kind im Ultraschall zu klein. Der Herzschlag war
wieder zu sehen, aber ich hatte dennoch ein mulmiges
Gefühl. Es geht bestimmt wieder schief sagte ich und
weigerte mich dieses mal strikt irgendetwas im Bezug auf
das Kind zu planen. Ich wollte das alles am liebsten
verdrängen. Mein Mann und die Familie sagten ich solle
nicht alles so schwarzsehen, diesmal klappe es bestimmt.
Leider hatte ich Recht. Ende Oktober bekam ich wieder
minimale Blutungen. Es war wieder abends und wir fuhren
in die Klinik. Meine gepackte Tasche hatte ich dieses
Mal schon dabei. Bei der Ultraschalluntersuchung dann
die bittere Gewissheit: das Herz unseres Kindes hatte
wieder aufgehört zu schlagen. Es war wieder zu klein für
die 10. Schwangerschaftswoche, jedoch etwas größer wie
unser erstes Kind. Wieder Ausschabung. Das kann
passieren sagte mein Gynäkologe und verschrieb mir
Gelbkörperhormone.
Wir beschlossen dieses Mal länger als zwei Monate zu
warten bevor wir es erneut versuchen wollten und so
wurde ich dann im Mai 2004 wieder schwanger. Dieses Kind
verlor ich dann in der 8.Schwangerschaftswoche.
In der Zwischenzeit wurden verschiedene Frauen aus
unserem näheren Bekanntenkreis schwanger und mir fiel es
vor der 3.Fehlgeburt schon schwer mit diesen gemeinsam
etwas zu unternehmen. Als ich dann unser 3. Kind auch
wieder verloren hatte, war ich psychisch so angeschlagen
dass ich anfing Kontakte zu eben diesen Freunden und
auch zu Verwandten mit kleineren Kindern abzubrechen,
weil ich es nicht ertragen konnte dies zu sehen. Ich
hatte das Gefühl es zerreißt mich innerlich vor Schmerz.
Dennoch habe ich es mir nicht zugestanden diesen zu
zeigen, oder über meine Gefühle zu reden. Ich habe sie
so verdrängt, dass sie dann als Aggressionen in ganz
unterschiedlichen Situationen wieder zum Vorschein
kamen.
Nun wurde ich auch endlich nach dem Grund für die
Fehlgeburten untersucht und im September dann das
Ergebnis: ein Antiphospholipid Antikörpersyndrom. Eine
Blutgerinnungsstörung. Ich sollte nach Eintritt der
nächsten Schwangerschaft täglich Thrombosespritzen
bekommen und ASS 100mg nehmen. Gleichzeitig suchte ich
mir psychologischen Beistand und bin so zu Pro Familia
gekommen. Zunächst hatte ich nur Einzelgespräche, habe
mich dann aber nach einigem Zögern dazu durchgerungen
mir auch die Gesprächsgruppe „Gute Hoffnung, jähes Ende“
anzuschauen.
Da die Ursache ja nun bekannt war, muss es ja nun
funktionieren, dachte ich und so wurde ich im Oktober
2004 zum 4. Mal schwanger.
Ich hatte in dieser Zeit zum Privaten auch noch sehr
viel Stress im Betrieb und so kam es das der Arzt schon
bei der zweiten Untersuchung feststellte, dass sich in
meiner Gebärmutter zwar eine Fruchthöhle gebildet hatte,
das Innenleben jedoch fehlte. Also eine weitere
Fehlgeburt. Jetzt wusste ich nicht mehr weiter. Ich zog
mich immer mehr zurück, selbst mein Mann kam nur noch
begrenzt an mich heran und auch er wurde immer
hilfloser, weil er mir nicht mehr helfen konnte. Mein
Frauenarzt sagte indirekt, ich solle mich nicht so
anstellen und manchmal hätte die Natur ja ihre Gründe
warum bestimmte Frauen keine Kinder bekämen. Dennoch
beantragte er auf mein Verlangen eine Kur für mich. Das
einzige was mir in dieser Zeit sehr geholfen hat waren
die Einzelgespräche und der Besuch der Gesprächsgruppe
bei Pro Familia und der Wechsel zu einem anderen
Frauenarzt der sehr mitfühlend und positiv eingestellt
war. Die Kur wurde nach einem Widerspruch dann bewilligt
und so reiste ich im März 2005 für 6 Wochen in den
Schwarzwald in eine psychosomatische Klinik mit
gynäkologischem Schwerpunkt. Dort konnte ich mich sehr
gut erholen und auch einiges verarbeiten, dennoch machte
es mir Angst gleich nach der Reha mit meiner im fünften
Monat schwangeren Freundin zu deren Hochzeit nach
Griechenland zu reisen. Ich selbst wollte zu diesem
Zeitpunkt erstmal mein eigenes Leben genießen, bevor ich
wieder ans Kinderkriegen denken würde. Doch dann wurde
noch im Urlaub ganz ungeplant schwanger, was ich auch
gleich fühlte. Einen Tag nach der Befruchtung kam mir
immer der Gedanke in den Kopf: “Jetzt sind wir zu
dritt!“ Dies hat sich dann auch bewahrheitet und seit
Januar 2006 haben wir eine kleine Tochter, worüber wir
sehr glücklich sind. Dennoch denke ich oft an die Zeit
davor, an unsere anderen Kinder und hoffe, dass es ihnen
dort, wo sie jetzt sind gut geht. Ich zünde auch immer
wieder eine Kerze für sie an. Obwohl sich die Gefühle
mit der Zeit verändern wird ein gewisser Schmerz doch
immer bleiben.
Ich bin heute noch sehr dankbar über die gute Betreuung
bei Pro Familia und bei meinem neuen Frauenarzt wo mir
vor und auch noch während meiner Schwangerschaft immer
wieder Ängste genommen und Hoffnung gemacht wurde, wenn
ich wieder zu sehr am Zweifeln war.
Jedem, der in einer ähnlichen Situation ist, kann ich nur
raten sich bei Personen bzw. Institutionen wie der Pro
Familia Hilfe zu suchen, auch wenn der erste Schritt
schwer fällt, aber es tut gut.
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