Helena, Julian und Sternchen
Verluste in der Schwangerschaft
so unscheinbar und doch so wirklich
In Gedanken bin ich oft bei Helena, Julian und
Sternchen. Unsere drei Kinder, die wir voller Freude erwartet haben, die aber
nie das Licht der Welt erblicken durften.
Als ich 2001 endlich mit Helena schwanger
geworden bin, war unsere Freude unbeschreiblich groß. Doch in der 13.
Schwangerschaftswoche stellte der Arzt fest, dass etwas nicht in Ordnung war. Es
folgten viele Untersuchungen mit dem Ergebnis, dass Helena das
Ullrich-Turner– Syndrom hatte. Diese Chromosomen- störung kann sich vielseitig
auswirken und auch unterschiedlich schwer. Es gibt viele Frauen, die mit dieser
Beeinträchtigung leben können. Bei Helena war die Behinderung aber so schwer,
dass ihr Herz in der 18. SSW aufgehört hat zu schlagen.
Obwohl wir wussten, dass etwas nicht in Ordnung war, traf uns ihr Tod doch
unvorbereitet. Zum Glück hatten wir viele liebe Menschen an unserer Seite, die
uns in dieser schweren Zeit sehr geholfen haben. Familie, Freunde, Pfarrer,
Klinikseelsorger, Schwestern, Ärzte und Hebammen.
Zu diesem Zeitpunkt gab es in Göppingen noch nicht das Gräberfeld für zu früh
geborene Kinder. Dieses ist mittlerweile eingerichtet und dort werden zweimal
jährlich, die in der Klinik am Eichert (Göppingen) und der Helfensteinklinik
(Geislingen) zu früh totgeborene Kinder, mit einem Geburtsgewicht unter 500g
durch die ökumenische Klinkseelsorge bestattet.
Uns wurde dann ermöglicht Helena in einem Kindergrab in unserer Gemeinde zu
bestatten. Der bewusste Abschied bei der Beerdigung, sowie einen Ort der Trauer
zu haben, ist für uns und die Familie sehr wichtig.
Bei der Verarbeitung meiner Trauer hat mir zu
diesem Zeitpunkt sehr das Lesen von Erfahrungsberichten sowie das Buch von
Hannah Lothrop: „Gute Hoffnung – jähes Ende“ geholfen.
Irgendwann erfuhr ich dann, dass es in Göppingen von pro familia eine Selbst-
hilfegruppe für verwaiste Eltern gibt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber kein
Bedürfnis dort hinzugehen. Außerdem war meine Befangenheit und Schüchternheit
auch zu groß.
Ich bin dann wieder schwanger geworden. Die
Folgeschwangerschaft erlebten wir natürlich sehr viel bewusster und mit größerer
Angst. Umso glücklicher waren wir, als wir im Februar 2003 Yannik im Arm halten
durften. Yannik ist ein sehr lebhaftes und fröhliches Kind. Er bringt sehr viel
Sonnenschein in unser Leben.
Für Yannik wünschten wir uns dann ein
Geschwisterchen und waren glücklich, als ich wieder schwanger geworden bin. Die
Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen und es war alles in Ordnung. In der
26. Schwangerschaftswoche spürte ich plötzlich keine Bewegungen mehr. Erst
beruhigten wir uns damit, dass das Kind wohl im Moment eine ruhigere Phase hat.
Der Besuch beim Arzt brachte dann aber die schreckliche Gewissheit, dass das
Herz von unserem Kind aufgehört hat zu schlagen. Warum, das wissen wir nicht.
Uns fehlte wiederholt der Boden unter den Füssen!
Jetzt hieß es wieder in die Klinik, Geburtseinleitung, Abschiednehmen,……
In der Klinik wurde dann die Geburt eingeleitet. Jetzt hieß es erstmal warten.
Dies war die schlimmste Zeit. Wir hatten wieder Glück und sehr verständnisvolle
Schwestern, Ärzte und Hebammen. Unsere Wünsche wurden ebenfalls berücksichtigt.
In der Nacht kam dann Julian auf die Welt. Er war schon 35 cm groß und wog 800g.
Ich durfte Julian sehr lange halten. Wir haben ihn betrachtet: unser Kind. Er
sah aus wie ein Neugeborenes, nur etwas kleiner. Es war alles dran. Wir konnten
Julian wenigstens etwas kennen lernen, ihn betrachten und streicheln.
Gleichzeitig mussten wir von ihm Abschied nehmen. Wir haben auch Bilder von ihm
gemacht.
Die Hebamme hat uns ein Kärtchen überreicht. Auf der Vorderseite ist eine
Photographie mit einer großen und einer kleinen Hand. Innen hat sie die
Geburtsdaten von Julian, seine Hand- und Fußabdrücke sowie diesen wunder- schönen
Vers geschrieben:
Still, seid leise
es war ein Engel auf der Reise
Er wollte ganz kurz bei uns sein,
warum er ging weiß Gott allein.
Geht nun ein Wind an mildem Tag
so denkt es war ein Flügelschlag.
Und wenn Ihr fragt, wo mag er sein?
Ein Engel ist niemals allein.
Es ist sehr tröstlich diese Erinnerungen zu
haben.
Die nächsten Tage waren erfüllt mit der
Organisation und Vorbereitung der Trauerfeier und Beerdigung. Das war das
einzige und letzte, was wir für Julian tun konnten.
Der Tag der Beerdigung war ein wundervoller Spätherbsttag. Die Sonne schien und
die Blätter leuchteten in den bunten Farben.
Für alle Trauergäste haben wir eine weiße Kerze mit gelber Karte gestaltet. Auf
der Karte war der Spruch „Still, seid leise …“ und ein Regenbogen aufgedruckt.
Diese Kerze konnte während der Trauerfeier jeder an Julians Taufkerze anzünden.
Wir sind dann mit der brennenden Kerze ans Grab gegangen. Dort haben wir uns im
Kreis um das Grab aufgestellt, und der Pfarrer fuhr mit der Beerdigung fort.
Für die Trauerbewältigung ist es sehr wichtig Abschied zu nehmen und einen Ort
der Trauer zu haben.
Nach dem Verlust von Helena habe ich mich viel
mit dem Thema Tod (von Kindern, Verlust in der Schwangerschaft) und Behinderung
auseinandergesetzt. Das Lesen half mir bei der Bewältigung meiner Trauer. Einer
Freundin habe ich meine Geschichte immer und immer wieder erzählt. Erst im
Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich sie sehr strapaziert habe. Damals
hatte ich nicht das Bedürfnis in eine Gesprächsgruppe zu gehen. Die
Schüchternheit war auch zu groß.
Wie ist das wohl in so einer Gruppe?
Schließlich hat mein Kind ja auch noch nicht gelebt, war für die anderen nicht
greifbar. Lieber trauerte ich für mich alleine im Stillen, oder schüttete mein
Herz meiner Freundin aus.
Nach dem Verlust von Julian war das anders. In
der Klinik habe ich das Faltblatt von pro familia bekommen, dass es jetzt in
Göppingen eine Gesprächsgruppe, für Eltern, die ihr Kind in der Schwangerschaft
oder kurz nach der Geburt verloren haben, gibt. Meine erste Reaktion war, das
brauche ich nicht. Langsam aber wuchs der Wunsch in mir diese Gruppe zu
besuchen. Dazu trugen auch manche Mitmenschen bei, die sich leider überhaupt
nicht in die Situation hineinversetzen können und nicht verstehen, dass nach 4
Wochen die Welt einfach noch nicht wieder in Ordnung ist und man noch trauert.
Einige Mitmenschen wissen überhaupt nicht, wie sie mit einem umgehen sollen. Sie
grüßen deshalb nicht mehr bzw. wechseln die Straßenseite. So etwas ist äußerst
schmerzhaft.
Ich bin froh, die Gruppe zu besuchen. Man kann
so sein, wie man ist und sich fühlt. Die anderen haben ähnliche Erfahrungen
gemacht und verstehen einen. Es tut gut Raum zu haben um sich mit dem Verlust
auseinanderzusetzen. Das Treffen und Gespräch gibt Denkanstöße. Man geht
gestärkt nach Hause.
Der Wunsch nach einem Kind ist nach wie vor
vorhanden. Als ich wieder schwanger geworden bin, schöpften wir neue Hoffnung.
Leider mussten wir von unserem Sternchen schon in der 8. Schwangerschaftswoche
Abschied nehmen.
Eine Fehlgeburt, wie sie in diesem Schwangerschaftsstadium so häufig vorkommt.
Oft frage ich mich: „Warum passiert uns das alles?“. Eine Antwort habe ich bis
jetzt nicht gefunden. Die Geborgenheit im Gesprächskreis tut gut. Man weiß, dass
man nicht alleine ist.
Ute P.
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